Persönliches

Einladungspolitiken / einige„Queerfeministische“ Räume in Leipzig

http://kritik-einladungspolitiken.tumblr.com/

Nach dem Besuch eines „queerfeministischen Treffens“ in Leipzig vor Kurzem kam mir der Drang diesen Text zu schreiben, in dem ich meine Kritik an queerfeministischen (Einladungs-)Politiken in Leipzig äußern möchte, weil diese häufig Ausschlüsse reproduzieren oder kurzsichtig sind. Ich lebe seit einigen Jahren in Leipzig und beschäftige mich schon einige Zeit mit queerfeministischen The­men. In der letzten Zeit hat mein Frust über sogenannte queerfeministische Politik in Leipzig zuge­nommen. Wichtig um das zu erklären ist meine eigene Position. Ich bin ein queerfeministischer, weißer, mehrheitsdeutscher Trans*männlicher Ex-Soziologiestudent mit einem mittelständisch-aka­demischen Familienhintergrund und derzeit einer schwulen Lebensrealität. Damit passe ich bis auf meine Trans*Identität und vielleicht meine Sexualität (die aber häufig genauso wie mein Gender von einer ignoranten Mehrheit nicht anerkannt wird) ziemlich gut in eine privilegierte Leipziger Linke Szene. Mit privilegierter Szene meine ich eine Szene die hauptsächlich von Menschen voll zu sein scheint, die recht viele Vorteile in der Gesellschaft haben, weil sie zum Beispiel studieren oder aus einer studierten Familie kommen, weil sie zum Beispiel weiß und mehrheitsdeutsch sind und weil sie zum Beispiel größtenteils heterosexuell und größtenteils cis-(bedeutet nicht Trans*)ge­schlechtlich sind. Und eigentlich könn­te man meinen dass ich, selbst wenn es in der Linken Szene manchmal kompliziert ist, umso besser in eine Leipziger Queerfeministische Szene passe. Denn Queerfeminismus setzt sich doch schließ­lich mit verschiedenen Formen von Diskriminierung und vor allem Formen von Sexismus auseinan­der. Denn der politische Begriff Queer kommt schließlich aus einem Zusammenschluss verschiedener Personengruppen, die besonders von (Mehrfach-)Dis­kriminierung, das heißt in dem Falle Homo- und Trans*Feindlichkeit zusammen mit anderen Dis­kriminierungsformen (zum Beispiel Rassismus und Klassismus) betroffen waren. Könnte man so meinen.

Allerdings habe ich in den letzten Jahren häufig das Gefühl gehabt, dass sich sogenannte Queerfe­ministische Gruppen (in Leipzig) oft aus einer recht einseitigen Sichtweise mit verschiedenen The­men beschäfti­gen. Und diese Sichtweise ist meistens eine cis-weibliche, weiße, mehr­heitsdeutsche Perspektive und häufig eine heterosexuelle. Ich möchte in diesem Text etwas dazu schreiben, wel­che Schwierigkeiten das meiner Meinung nach mit sich bringt. Vor allem möchte ich zu den The­men schreiben die mich betreffen, also den möglichen Problemen einer cis-(hetera-)Dominanz. Da­bei soll klar sein, dass das nicht alle möglichen Dimensionen von Diskriminierung und Dominanz aufgreift und dass Gender und oder Sexualität bei weitem nicht die einzigen Hemmschwellen und Ausschlusskriterien für Räume sind.

1. Definierte Räume – für wen und warum eigentlich?

Ich persönlich kenne es aus Leipzig noch nicht so lange (vielleicht 2 Jahre?), dass es in einem neue­ren “queerfeministischen” Zusammenhang definierte Räume gibt. Ich benutze definierte Räume für Räume, bei denen die Veranstalter_innen sich im Vorhinein überlegen, wer eingeladen werden soll und wer nicht, und das aufgrund bestimmter Kriterien. Ein sehr verbreitetes Beispiel dafür sind mo­mentan sogenannte FLIT*-Räume. FLIT* steht für Frauen-Lesben-Inter*-Trans*-Räume und be­deutet, dass nur Personen eingeladen sind, die sich mit mindestens einer der Beschreibungen identi­fizieren können. Mein Eindruck ist, dass FLIT* sich allerdings eher zu einem schicken Namen für cis-Frauen- oder mindestens cis-Frauen-dominierte Räume entwickelt hat. Wenn ein Raum sich als FLIT* versteht, sollte das für mich voraussetzen, dass sich Frauen, Lesben, Inter*personen und Trans*personen in diesem Raum wohl fühlen können und dass der Raum sie anspricht. Darunter fällt also genauso eine heterosexuelle cis-Frau wie ein schwuler Trans*mann, eine Inter*Lesbe, eine asexuelle & nicht binäre1 Trans*person, ein heterosexueller Inter*mann, und so weiter. Das heißt auch, dass es für alle diese Personen ein sicherer Raum sein sollte, also mit möglichst wenig Diskri­minierung. Nun ist es aber leider meistens so, dass FLIT* häufig von Gruppen verwendet wird ohne dass sich wirklich Gedanken darüber gemacht werden, was für Diskriminierungen zum Beispiel ein Inter*mann möglicherweise erfahren hat und was deswegen für ihn wichtige Voraussetzungen für einen angenehmen Raum sind. Häufig wird von Gruppen nicht einmal darüber nachgedacht, dass das FLIT* Konzept männliche Personen einschließt. Oder dass Personen den Raum betreten könn­ten, die nicht so aussehen, wie sie sich Frauen vorstellen (egal ob sie nach Selbstdefinition welche sind oder nicht) und dass es für diese möglicherweise ganz besondere Hemmschwellen geben könn­te, wenn sie diesen Raum betreten.

2. Wen wollt ihr tatsächlich einladen? WARUM?

Deswegen frage ich mich, wer soll eigentlich tatsächlich eingeladen werden und warum? Ich frage mich beim FLIT* Konzept schon häufiger, warum diese doch sehr breite Definition gewählt wird und ob alle, die sich dafür entscheiden, sich tatsächlich mit den gleichen Themen auseinander set­zen wollen oder überhaupt ähnliche Bedürfnisse haben. Häufig habe ich das Gefühl, es geht voral­lem darum, keine cis-Männer dabei zu haben. Dann frage ich mich, für wen (außer der Person selbst natürlich) es genau welchen Unterschied macht, ob ein heterosexueller Inter*mann ohne Trans*er­fahrung oder zB ein schwuler cis-Mann den Raum betritt. Oder geht es nicht eigentlich um einen männerfreien Raum, in dem aber Trans*männer eingeladen sein sollen „weil sie ja auch mal Frauen waren“? Geht es dann darum, dass nur Menschen im Raum sein sollen die schonmal Sexismus erlebt haben, weil sie als Frau wahrgenommen wurden? Wäre dann nicht eine bessere Beschreibung für den Raum „Raum für Frauen(Inter*, Trans* und cis) und alle die mal frauenspezifische Diskriminierung erlebt haben“? Oder „Raum für Frauen und alle von denen andere mal dachten sie seien Frauen?“ Oder einfach „Raum um sich über erlebte Misogynie (Frauenfeindlichkeit) auszutauschen“ oder „Raum für von Sexismus Betroffene“ oder, oder… Es gäbe so viele Möglichkeiten.

In manchen Räumen geht es vielleicht auch darum, Menschen kennenzulernen, die eine ähnliche Lebensrealität haben, wenn einer_m das fehlt. Zum Beispiel Lebensrealitäten die sonst oft Tabu sind oder über die nicht gesprochen wird, gegen die diskriminiert wird, so wie bestimmte Bezie­hungsformen, die in der Öffentlichkeit nicht sichtbar sind oder Gefahr laufen, Gewalterfahrungen zu machen … Dann ist die Frage, möchte mensch nur Menschen mit sehr ähnlichen Perspektiven kennenlernen, oder auch andere? Möchte mensch nur vor Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sprechen? Möchte mensch sich zum Beispiel mit Menstruation auseinandersetzen, könnte es ja hei­ßen „Raum für alle die menstruieren und drüber reden wollen“. „Frauenraum“ wäre für dieses The­ma ziemlich kurz gedacht, da nicht alle weiblichen Personen menstruieren und es auch männliche Personen gibt, die menstruieren. Das könnte dazu führen, dass Personen nicht eingeladen werden, für die das Thema wichtig ist und gleichzeitig andere eingeladen werden, die sich möglicherweise unwohl mit dem Thema fühlen.

Vielleicht soll es mit einem Raum auch um Empowerment (also sich selbst stärken mit anderen) beim bestimmte Dinge tun gehen. Zum Beispiel Handwerkliches, was viele Personen aufgrund ei­nes ihnen aufgezwungenen Genders nie gelernt haben oder womit sie sich aus anderen Gründen un­sicher fühlen. Häufig wird dann mit Sozialisation argumentiert; dieser Raum wäre wichtig für alle, die „als Frau sozialisiert“ wurden. Nun gehen leider viele davon aus, dass Menschen nur in der Kindheit „sozialisiert“ werden. Das würde aber bedeuten, dass die Erfahrungen, die eine Person ab einem bestimmten Alter macht, sie_ihn nicht mehr prägen und formen. Dann wird ausschließend für zum Beispiel Trans*Frauen argumentiert. Denn auch eine Trans*Frau, die im Erwachsenenalter ihre Identität nach außen trägt, erfährt Frauenfeindlichkeit und Sexismus und wird in vielerlei Hinsicht als Frau sozialisiert. Für sie kann der Raum also mindestens genauso wichtig sein, wenn er es schafft, diskriminierungsarm zu sein. Auch weil es möglicherweise wenig andere diskriminierungs­freie Werkstätten gibt. Und so weiter.

Diese Beispiele sollen ein Plädoyer für überlegte Raumdefinitionen sein. Und auch dafür, über die eigenen Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit, Sozialisation nachzudenken und sie zu hin­terfragen. Das ist das Mindeste, wenn ein „queerfeministischer“ Anspruch besteht.

3. Warum sind Einladungen oder Themenwahlen ausschließend?

Es gibt natürlich auch mehr oder weniger undefinierte Räume, die außer ihrer Bezeichnung als „queerfeministisch“ nicht direkt ausgewählte Menschen ansprechen. Nicht direkt, weil es natürlich schon eine Voraussetzung ist, den Begriff zu kennen, den Flyer oder die Email zu bekommen, wen zu kennen die_der wen kennt, … Indirekte Ausschlüsse werden also trotzdem produziert, je nach­dem in welchen Kreisen oder wie Veranstaltungen beworben werden. Also, wer soll eigentlich an­gesprochen werden? Lust auf eine kuschelige Veranstaltung mit den Freund_innen der Freund_in­nen? Dann ist es aber heuchlerisch, die Veranstaltung öffentlich zu nennen. Um eine Veranstaltung möglichst einschließend zu organisieren, könnte sich im Vorhinein überlegt werden, durch welche Kanäle welche Personen aus- oder eingeschlossen werden.

Außerdem können durch die Themenwahl unausgesprochene Ausschlüsse entstehen. Soll zum Bei­spiel über „Frauensolidarität“ und „weibliche Sexualität“ gesprochen werden, werden sich männli­che oder uneindeutige Personen, Schwule oder schlimmstenfalls auch Trans*frauen (weil sie aus Erfahrung oft selbst bei ‘weiblichen’ Themen die von cis-Frauen gewählt wurden nicht mitgedacht werden) möglicherweise nicht eingeladen oder ausgeschlossen fühlen. Dieses Gefühl, dieses Zweifeln könnte den Perso­nen genommen werden, in dem direkt dazu geschrieben wird, mit wem gerne diskutiert werden möchte. Zum Beispiel „eine Diskussion über FrauenSolidarität mit Frauen(Inter*, Trans* und cis) und Verbündeten“. Schwieriger ist es noch, wenn diese Themen im Vorhinein gar nicht angekündigt werden, sondern die Veranstaltung als „offen für alle“ beschrieben wird, dann aber Themen angesagt werden, die nicht alle betreffen (und möglicherweise eine Minderheit nicht betreffen) und die im Vorhinein be­reits gewählt wurden, also fest stehen. Dadurch kann es schnell passieren, dass sich Menschen uner­wünscht oder fehl am Platz fühlen, obwohl sie offiziell eingeladen wurden. Insbesondere, wenn sie in dem Raum eine Minderheit darstellen oder keine Verbündeten haben. Und damit will ich nicht darauf hinaus, dass weiße, heterosexuelle, studentische cis-Männer dann „ausgeschlossen“ werden, sondern dass dies häufig Menschen passiert, die selten mitgedacht werden (und das sind in der Re­gel nicht die oben genannten cis-Männer).

Neben Gender- und Sexualitätsbezogenen Erfahrungen gibt es noch viele andere Ebenen, die aus­schließend sein können. Auf welcher Sprache soll geredet werden und wen schließt das aus? Ist der Raum für Rollstuhlfahrende befahrbar? Werden nur weiße und mehrheitsdeutsche Perspektiven dis­kutiert? etc… Und vor allem, haben die Anwesen­den auf dem Schirm, inwiefern die Themen ausschließend sein können?

4. So viel… Was tun?

Ich glaube, das Wichtigste an Queerfeminismus ist für mich, die eigenen blinden Flecken und toten Winkel zu finden. Die Perspektiven, die eine_r selber nicht hat, die aber wichtig sind um gemein­sam feministisch aktiv zu sein. Mit blinden Flecken und toten Winkeln meine ich Diskriminierungs­erfahrungen, die mensch selbst nicht macht und deswegen möglicherweise nicht sieht. Und dazu ge­hört für mich ein Lernen wollen und eine Bereitschaft für Kritikfähigkeit. Dazu gehört auch, ehrlich zu sein im Bezug darauf, wie viel Arbeit und Anstrengung in politische Arbeit/ Gruppen gesteckt werden kann und soll. Und mit wem eine_r sich verbünden will. Und eine Bereitschaft, an manchen Stellen ein bisschen zurück zu treten und an anderen einen Schritt auf andere zu zu machen. Es ist schön, wenn sich mit Mechanismen und Strukturen, die diskriminierend sein können, nicht erst dann auseinander gesetzt wird, wenn ein_e Betroffene_r sich zu Wort meldet. Und falls das passiert, ist es eigentlich ziemlich nett von der Person, die Kritik zu teilen. Denn meistens ist es ziemlich un­angenehm, in einer Minderheit zu sein, die nicht berücksichtigt wird, und kostet einiges an Mut oder Nerven, sich dann auch noch dazu zu äußern.

1Nicht binär meint hier Personen die sich weder als männlich noch als weiblich definieren.