Redebeiträge

Einladungspolitiken / einige„Queerfeministische“ Räume in Leipzig

http://kritik-einladungspolitiken.tumblr.com/

Nach dem Besuch eines „queerfeministischen Treffens“ in Leipzig vor Kurzem kam mir der Drang diesen Text zu schreiben, in dem ich meine Kritik an queerfeministischen (Einladungs-)Politiken in Leipzig äußern möchte, weil diese häufig Ausschlüsse reproduzieren oder kurzsichtig sind. Ich lebe seit einigen Jahren in Leipzig und beschäftige mich schon einige Zeit mit queerfeministischen The­men. In der letzten Zeit hat mein Frust über sogenannte queerfeministische Politik in Leipzig zuge­nommen. Wichtig um das zu erklären ist meine eigene Position. Ich bin ein queerfeministischer, weißer, mehrheitsdeutscher Trans*männlicher Ex-Soziologiestudent mit einem mittelständisch-aka­demischen Familienhintergrund und derzeit einer schwulen Lebensrealität. Damit passe ich bis auf meine Trans*Identität und vielleicht meine Sexualität (die aber häufig genauso wie mein Gender von einer ignoranten Mehrheit nicht anerkannt wird) ziemlich gut in eine privilegierte Leipziger Linke Szene. Mit privilegierter Szene meine ich eine Szene die hauptsächlich von Menschen voll zu sein scheint, die recht viele Vorteile in der Gesellschaft haben, weil sie zum Beispiel studieren oder aus einer studierten Familie kommen, weil sie zum Beispiel weiß und mehrheitsdeutsch sind und weil sie zum Beispiel größtenteils heterosexuell und größtenteils cis-(bedeutet nicht Trans*)ge­schlechtlich sind. Und eigentlich könn­te man meinen dass ich, selbst wenn es in der Linken Szene manchmal kompliziert ist, umso besser in eine Leipziger Queerfeministische Szene passe. Denn Queerfeminismus setzt sich doch schließ­lich mit verschiedenen Formen von Diskriminierung und vor allem Formen von Sexismus auseinan­der. Denn der politische Begriff Queer kommt schließlich aus einem Zusammenschluss verschiedener Personengruppen, die besonders von (Mehrfach-)Dis­kriminierung, das heißt in dem Falle Homo- und Trans*Feindlichkeit zusammen mit anderen Dis­kriminierungsformen (zum Beispiel Rassismus und Klassismus) betroffen waren. Könnte man so meinen.

Allerdings habe ich in den letzten Jahren häufig das Gefühl gehabt, dass sich sogenannte Queerfe­ministische Gruppen (in Leipzig) oft aus einer recht einseitigen Sichtweise mit verschiedenen The­men beschäfti­gen. Und diese Sichtweise ist meistens eine cis-weibliche, weiße, mehr­heitsdeutsche Perspektive und häufig eine heterosexuelle. Ich möchte in diesem Text etwas dazu schreiben, wel­che Schwierigkeiten das meiner Meinung nach mit sich bringt. Vor allem möchte ich zu den The­men schreiben die mich betreffen, also den möglichen Problemen einer cis-(hetera-)Dominanz. Da­bei soll klar sein, dass das nicht alle möglichen Dimensionen von Diskriminierung und Dominanz aufgreift und dass Gender und oder Sexualität bei weitem nicht die einzigen Hemmschwellen und Ausschlusskriterien für Räume sind.

1. Definierte Räume – für wen und warum eigentlich?

Ich persönlich kenne es aus Leipzig noch nicht so lange (vielleicht 2 Jahre?), dass es in einem neue­ren “queerfeministischen” Zusammenhang definierte Räume gibt. Ich benutze definierte Räume für Räume, bei denen die Veranstalter_innen sich im Vorhinein überlegen, wer eingeladen werden soll und wer nicht, und das aufgrund bestimmter Kriterien. Ein sehr verbreitetes Beispiel dafür sind mo­mentan sogenannte FLIT*-Räume. FLIT* steht für Frauen-Lesben-Inter*-Trans*-Räume und be­deutet, dass nur Personen eingeladen sind, die sich mit mindestens einer der Beschreibungen identi­fizieren können. Mein Eindruck ist, dass FLIT* sich allerdings eher zu einem schicken Namen für cis-Frauen- oder mindestens cis-Frauen-dominierte Räume entwickelt hat. Wenn ein Raum sich als FLIT* versteht, sollte das für mich voraussetzen, dass sich Frauen, Lesben, Inter*personen und Trans*personen in diesem Raum wohl fühlen können und dass der Raum sie anspricht. Darunter fällt also genauso eine heterosexuelle cis-Frau wie ein schwuler Trans*mann, eine Inter*Lesbe, eine asexuelle & nicht binäre1 Trans*person, ein heterosexueller Inter*mann, und so weiter. Das heißt auch, dass es für alle diese Personen ein sicherer Raum sein sollte, also mit möglichst wenig Diskri­minierung. Nun ist es aber leider meistens so, dass FLIT* häufig von Gruppen verwendet wird ohne dass sich wirklich Gedanken darüber gemacht werden, was für Diskriminierungen zum Beispiel ein Inter*mann möglicherweise erfahren hat und was deswegen für ihn wichtige Voraussetzungen für einen angenehmen Raum sind. Häufig wird von Gruppen nicht einmal darüber nachgedacht, dass das FLIT* Konzept männliche Personen einschließt. Oder dass Personen den Raum betreten könn­ten, die nicht so aussehen, wie sie sich Frauen vorstellen (egal ob sie nach Selbstdefinition welche sind oder nicht) und dass es für diese möglicherweise ganz besondere Hemmschwellen geben könn­te, wenn sie diesen Raum betreten.

2. Wen wollt ihr tatsächlich einladen? WARUM?

Deswegen frage ich mich, wer soll eigentlich tatsächlich eingeladen werden und warum? Ich frage mich beim FLIT* Konzept schon häufiger, warum diese doch sehr breite Definition gewählt wird und ob alle, die sich dafür entscheiden, sich tatsächlich mit den gleichen Themen auseinander set­zen wollen oder überhaupt ähnliche Bedürfnisse haben. Häufig habe ich das Gefühl, es geht voral­lem darum, keine cis-Männer dabei zu haben. Dann frage ich mich, für wen (außer der Person selbst natürlich) es genau welchen Unterschied macht, ob ein heterosexueller Inter*mann ohne Trans*er­fahrung oder zB ein schwuler cis-Mann den Raum betritt. Oder geht es nicht eigentlich um einen männerfreien Raum, in dem aber Trans*männer eingeladen sein sollen „weil sie ja auch mal Frauen waren“? Geht es dann darum, dass nur Menschen im Raum sein sollen die schonmal Sexismus erlebt haben, weil sie als Frau wahrgenommen wurden? Wäre dann nicht eine bessere Beschreibung für den Raum „Raum für Frauen(Inter*, Trans* und cis) und alle die mal frauenspezifische Diskriminierung erlebt haben“? Oder „Raum für Frauen und alle von denen andere mal dachten sie seien Frauen?“ Oder einfach „Raum um sich über erlebte Misogynie (Frauenfeindlichkeit) auszutauschen“ oder „Raum für von Sexismus Betroffene“ oder, oder… Es gäbe so viele Möglichkeiten.

In manchen Räumen geht es vielleicht auch darum, Menschen kennenzulernen, die eine ähnliche Lebensrealität haben, wenn einer_m das fehlt. Zum Beispiel Lebensrealitäten die sonst oft Tabu sind oder über die nicht gesprochen wird, gegen die diskriminiert wird, so wie bestimmte Bezie­hungsformen, die in der Öffentlichkeit nicht sichtbar sind oder Gefahr laufen, Gewalterfahrungen zu machen … Dann ist die Frage, möchte mensch nur Menschen mit sehr ähnlichen Perspektiven kennenlernen, oder auch andere? Möchte mensch nur vor Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sprechen? Möchte mensch sich zum Beispiel mit Menstruation auseinandersetzen, könnte es ja hei­ßen „Raum für alle die menstruieren und drüber reden wollen“. „Frauenraum“ wäre für dieses The­ma ziemlich kurz gedacht, da nicht alle weiblichen Personen menstruieren und es auch männliche Personen gibt, die menstruieren. Das könnte dazu führen, dass Personen nicht eingeladen werden, für die das Thema wichtig ist und gleichzeitig andere eingeladen werden, die sich möglicherweise unwohl mit dem Thema fühlen.

Vielleicht soll es mit einem Raum auch um Empowerment (also sich selbst stärken mit anderen) beim bestimmte Dinge tun gehen. Zum Beispiel Handwerkliches, was viele Personen aufgrund ei­nes ihnen aufgezwungenen Genders nie gelernt haben oder womit sie sich aus anderen Gründen un­sicher fühlen. Häufig wird dann mit Sozialisation argumentiert; dieser Raum wäre wichtig für alle, die „als Frau sozialisiert“ wurden. Nun gehen leider viele davon aus, dass Menschen nur in der Kindheit „sozialisiert“ werden. Das würde aber bedeuten, dass die Erfahrungen, die eine Person ab einem bestimmten Alter macht, sie_ihn nicht mehr prägen und formen. Dann wird ausschließend für zum Beispiel Trans*Frauen argumentiert. Denn auch eine Trans*Frau, die im Erwachsenenalter ihre Identität nach außen trägt, erfährt Frauenfeindlichkeit und Sexismus und wird in vielerlei Hinsicht als Frau sozialisiert. Für sie kann der Raum also mindestens genauso wichtig sein, wenn er es schafft, diskriminierungsarm zu sein. Auch weil es möglicherweise wenig andere diskriminierungs­freie Werkstätten gibt. Und so weiter.

Diese Beispiele sollen ein Plädoyer für überlegte Raumdefinitionen sein. Und auch dafür, über die eigenen Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit, Sozialisation nachzudenken und sie zu hin­terfragen. Das ist das Mindeste, wenn ein „queerfeministischer“ Anspruch besteht.

3. Warum sind Einladungen oder Themenwahlen ausschließend?

Es gibt natürlich auch mehr oder weniger undefinierte Räume, die außer ihrer Bezeichnung als „queerfeministisch“ nicht direkt ausgewählte Menschen ansprechen. Nicht direkt, weil es natürlich schon eine Voraussetzung ist, den Begriff zu kennen, den Flyer oder die Email zu bekommen, wen zu kennen die_der wen kennt, … Indirekte Ausschlüsse werden also trotzdem produziert, je nach­dem in welchen Kreisen oder wie Veranstaltungen beworben werden. Also, wer soll eigentlich an­gesprochen werden? Lust auf eine kuschelige Veranstaltung mit den Freund_innen der Freund_in­nen? Dann ist es aber heuchlerisch, die Veranstaltung öffentlich zu nennen. Um eine Veranstaltung möglichst einschließend zu organisieren, könnte sich im Vorhinein überlegt werden, durch welche Kanäle welche Personen aus- oder eingeschlossen werden.

Außerdem können durch die Themenwahl unausgesprochene Ausschlüsse entstehen. Soll zum Bei­spiel über „Frauensolidarität“ und „weibliche Sexualität“ gesprochen werden, werden sich männli­che oder uneindeutige Personen, Schwule oder schlimmstenfalls auch Trans*frauen (weil sie aus Erfahrung oft selbst bei ‘weiblichen’ Themen die von cis-Frauen gewählt wurden nicht mitgedacht werden) möglicherweise nicht eingeladen oder ausgeschlossen fühlen. Dieses Gefühl, dieses Zweifeln könnte den Perso­nen genommen werden, in dem direkt dazu geschrieben wird, mit wem gerne diskutiert werden möchte. Zum Beispiel „eine Diskussion über FrauenSolidarität mit Frauen(Inter*, Trans* und cis) und Verbündeten“. Schwieriger ist es noch, wenn diese Themen im Vorhinein gar nicht angekündigt werden, sondern die Veranstaltung als „offen für alle“ beschrieben wird, dann aber Themen angesagt werden, die nicht alle betreffen (und möglicherweise eine Minderheit nicht betreffen) und die im Vorhinein be­reits gewählt wurden, also fest stehen. Dadurch kann es schnell passieren, dass sich Menschen uner­wünscht oder fehl am Platz fühlen, obwohl sie offiziell eingeladen wurden. Insbesondere, wenn sie in dem Raum eine Minderheit darstellen oder keine Verbündeten haben. Und damit will ich nicht darauf hinaus, dass weiße, heterosexuelle, studentische cis-Männer dann „ausgeschlossen“ werden, sondern dass dies häufig Menschen passiert, die selten mitgedacht werden (und das sind in der Re­gel nicht die oben genannten cis-Männer).

Neben Gender- und Sexualitätsbezogenen Erfahrungen gibt es noch viele andere Ebenen, die aus­schließend sein können. Auf welcher Sprache soll geredet werden und wen schließt das aus? Ist der Raum für Rollstuhlfahrende befahrbar? Werden nur weiße und mehrheitsdeutsche Perspektiven dis­kutiert? etc… Und vor allem, haben die Anwesen­den auf dem Schirm, inwiefern die Themen ausschließend sein können?

4. So viel… Was tun?

Ich glaube, das Wichtigste an Queerfeminismus ist für mich, die eigenen blinden Flecken und toten Winkel zu finden. Die Perspektiven, die eine_r selber nicht hat, die aber wichtig sind um gemein­sam feministisch aktiv zu sein. Mit blinden Flecken und toten Winkeln meine ich Diskriminierungs­erfahrungen, die mensch selbst nicht macht und deswegen möglicherweise nicht sieht. Und dazu ge­hört für mich ein Lernen wollen und eine Bereitschaft für Kritikfähigkeit. Dazu gehört auch, ehrlich zu sein im Bezug darauf, wie viel Arbeit und Anstrengung in politische Arbeit/ Gruppen gesteckt werden kann und soll. Und mit wem eine_r sich verbünden will. Und eine Bereitschaft, an manchen Stellen ein bisschen zurück zu treten und an anderen einen Schritt auf andere zu zu machen. Es ist schön, wenn sich mit Mechanismen und Strukturen, die diskriminierend sein können, nicht erst dann auseinander gesetzt wird, wenn ein_e Betroffene_r sich zu Wort meldet. Und falls das passiert, ist es eigentlich ziemlich nett von der Person, die Kritik zu teilen. Denn meistens ist es ziemlich un­angenehm, in einer Minderheit zu sein, die nicht berücksichtigt wird, und kostet einiges an Mut oder Nerven, sich dann auch noch dazu zu äußern.

1Nicht binär meint hier Personen die sich weder als männlich noch als weiblich definieren.

Redebeitrag zum IDAHIT* 2015

Aufruf zum IDAHIT* hier

Wir sind die tilf*-Gruppe. tilf* steht für TRANS*-INTER*-LES[BI]AN-FEMINIST und wir haben uns diesen Namen in Abgrenzung zum bestehenden flit*-Konzept ausgesucht, weil uns ein besonderer Fokus auf trans*, inter* und lesbischen Themen, sowie eine besondere Sensibilität in diesen Bereichen wichtig ist.
In unserer Gruppe sind im Moment keine geouteten inter*Personen. Deswegen ist das ‚i‘ in unserem Namen noch mit einem Fragezeichen verbunden. Es steht bisher in erster Linie dafür, dass wir offen für inter*Personen sind und dass wir uns mit Forderungen von intergeschlechtlichen Gruppen solidarisieren.
Unser name ist stets in Bearbeitung, im Moment denken wir darüber nach ihn mit einem ‚a‘ (für Asexualität) zu erweitern. Er soll also nicht als fertige Definition von unserer Gruppe angesehen werden, sondern eher als ein gemeinsamer Prozess in dem wir entdecken, welche Themen und Positionen für uns wichtig sind.
Es geht uns nicht nur darum, einen Raum ohne cis-Männer zu schaffen, weil uns das nicht reicht. Es geht uns darum, einen radikal queer-feministischen Raum zu etablieren, in dem wir lernen wollen miteinander solidarisch einen sicheren und starken Raum besonders für jene Personen zu schaffen, deren Themen oft unter den Tisch fallen. Das passiert nämlich auch in linken und sogar in feministischen Kontexten. Auch in linken und feministischen Gruppen gibt es verschiedenste Formen von Diskriminierung. Mit einigen von denen wollen wir uns heute im Zusammenhang des IDAHIT*s auseinandersetzen.

Als erstes lesen wir euch einen Beitrag von einer Person* aus unserer Gruppe zu Asexualität vor.

Asexualität

Kann ein Tag gegen Homofeindlichkeit, Inter*feindlichkeit und Trans*feindlichkeit, auch Platz für mehr geben? Der Name wurde immer mehr erweitert, und wie so oft stellt sich die Frage: Ist Asexualität da
jetzt auch gemeint? Dürfen Asexuelle sich jetzt auch dazu stellen, ist es okay sich diesen Raum zu nehmen, oder ist das nicht schon wieder zu viel? Die Fragen könnten weiter gehen, doch ist es wichtiger zu sehen,
woher sie kommen.
Asexuell, also kein Bedürfnis nach Sex zu verspüren oder sich nicht zu anderen Menschen sexuell hingezogen fühlen: erstens: Ja, das gibt es. Zweitens müssten gleichzeitig auch all jene genannt werden, die sich zwischen sexuell und asexuell verstehen (im verwirrenden, grauen Gebiet dazwischen wo vieles noch komplexer wird) und aromantische Personen, also Personen, die sich nicht verlieben, oder keine romantischen Beziehungen wollen.

Warum es wichtig ist, das zu sagen: Auch hiervon haben viel zu wenig Menschen Ahnung. Und auch in feministischen/linken/queeren Kreisen. Auch wenn sich ein Raum explizit so nennt, stellt sich für Asexuelle die
Frage, ob sie gefahrenlos sagen können, was Sache ist. Da ist nicht klar, wie die Feminist*innen im Raum reagieren, ob sie davon gehört haben, ob selbst das Hinnehmen von ‚asexuell‘ nicht wieder mit einer
Reihe falscher Vorannahmen verbunden ist. Zum Beispiel: Asexuelle sind gefühllose Menschen, weil sie keinen Sex wollen, haben sie auch keine emotional intimen Beziehungen mit anderen.
Überhaupt, was wollen Asexuelle denn in Räumen, in denen es um Diskriminierung geht? Argumentiert wird, wer kein oder wenig sexuelles oder amouröses Verlangen spürt, kann deswegen auch nicht unterdrückt werden. Was schon deswegen falsch ist, weil Asexuelle sich trotzdem verlieben können, in Beziehungen und Konstellationen aller Art sein können – und wenn es der Gesellschaft zu unangebracht scheint, trotzdem Homofeindlichkeit ausgesetzt sind. Wir können auch Trans* oder Inter* sein.

Wir können vieles. Wir können vor allem starke politische, solidarische, kollektive Positionen vertreten. Entgegen dem Vorwurf in linken Räumen, mit diesem Thema würde nur eine weitere Box aufgemacht, wozu? Und: ist denn das so wichtig? Wie viele solche Personen kann es denn bitteschön schon geben? – Warum wird gerade auf ein asexuelles coming out in linken Räumen wiederentdeckt, dass wir doch eigentlich doch alle wieder hin zum allgemeinen ‚Mensch‘ müssten?
Wir sind nicht prüde oder herzlos – wir sind genauso wütend über den sexistischen Normalzustand! Und wir haben noch eine ganze Palette weiterer, spannender Sachen dazu zu sagen. Also lasst und mitreden, hört
zu, und tut es nicht ab! Bis dahin sind wir auch so – immer und überall.

Erklärung Trans*feindlichkeit, speziell Trans*-Weiblichkeits-Feindlichkeit
Trans*feindlichkeit benennt die Diskriminierung gegen Trans*Personen, die ständig und auf allen möglichen Ebenen stattfindet, die sämtliche gesellschaftlichen Bereiche durchzieht. Sie beginnt bei der Unsichtbarkeit von Trans*Personen, die damit zusammenhängt, dass den meisten Menschen jegliches Wissen über Trans* fehlt und sie auch nicht die Bereitschaft haben, sich damit auseinanderzusetzen. Darüber hinaus äußert sie sich in emotionaler, psychischer, körperlicher oder struktureller Gewalt gegen Trans*Personen. Diese geschieht auf dem Amt und in bürokratischen Strukturen, beim Ärzt_innenbesuch, in der Ausbildung, auf der Straße, in Freund_innenschaften oder familiären Zusammehängen, in politischen Gruppen und Räumen und an vielen anderen Orten.
Eine spezifische Form von Trans*feindlichkeit ist Trans*Weiblichkeits-Feindlichkeit. Trans*Frauen werden als Frau* diskriminiert, erfahren also Sexismus und Frauen*feindlichkeit.
Wir werden allgemein als Trans*Person diskriminiert, also als Person die möglicherweise nicht in ein gewohntes Schema von Männlichkeit/Weiblichkeit passt, die als anders und abnormal dargestellt wird. Und außerdem sind wir an vielen Stellen von Homofeindlichkeit betroffen.
Das scheint auf den ersten Blick keinen Sinn zu machen, weil nicht alle Trans*Frauen homo sind, aber oft wird Homofeindlichkeit auf uns projeziert, aus Unwissenheit und Ignoranz gegenüber unserer Trans*Identität – und wir werden als schwule Männer wahrgenommen. Damit wird uns paradoxerweise unsere Weiblichkeit, wegen der wir an anderer Stelle diskriminiert werden, abgesprochen. Trans*-Weiblichkeits-Feindlichkeit ist also ziemlich komplex und macht sich auf unterschiedlichste Arten bemerkbar.

Auch in linken, feministischen und queeren Räumen gibt es Trans*Feindlichkeit allgemein und Trans*-Weiblichkeits-Feindlichkeit. Das äußert sich an verschiedensten Punkten, zum Beispiel fehlt in vielen sich als links oder feministisch oder gar emanzipatorisch verstehenden Gruppen die Auseinandersetzung mit trans*spezifischen Themen. Daraus resultiert eine allgemeine Unsensibilität gegenüber Trans*Personen.
Wir wollen hier auf ein spezielles Beispiel einer Ausgrenzung und Diskriminierung hinweisen, was besonders in feministischen Gruppen oft gang und gebe ist. Häufig werden politische Maßnahmen mit Sozialisation von Personen erklärt. Zum Beispiel wenn es darum geht, wer in einen Raum darf, wem welche Rolle zugeschrieben wird und wer sich als Verbündete sieht, aber genauso, wer ins Feindbild passt.
Es wird zwischen männlich sozialisierten und weiblich sozialisierten Menschen unterschieden. Dabei ist das Verständnis von Sozialisation meistens ziemlich beschränkt und begrenzt sich auf (früh)kindliche Erfahrungen. So kommt dann schnell eins zum anderen und Menschen werden nach ihrer vermeintlichen Kindheit und Jugend miteinander gleichgesetzt. Damit geschieht an sich nicht anderes, als die vielerorts so kritisierte Naturalisierung von Gender aufrecht zuerhalten.

Auch wir beziehen uns auf Sozialisation, auch wir sehen uns als gegenseitige Verbündete, weil wir manche Erfahrungen teilen. Unser Sozialisationsbegriff ist jedoch ein ganz anderer.
Sozialisation ist unserer Meinung nach ein Zusammenspiel von äußeren Einflüssen, Regeln, Medien, Interaktionen, Bildern. Und Sozialisation ist unserer Meinung nach ein Prozess, der sich auf das gesamte Leben von Menschen bezieht und nicht etwas das nach der Kindheit oder Jugend endet.
Außerdem ist Sozialisation wesentlich komplexer, als die Frage, ob einem früher blaue oder pinke Höschen aufgezwungen wurden. Unsere Sozialisationserfahrungen ähneln sich darin, dass wir an unterschiedlichen Stellen in unserem Leben Diskriminierungsmechanismen ausgesetzt sind, sei es, weil wir als weiblich wahrgenommen werden, als uneindeutig, als abnormal, als krank oder einfach falsch – also nicht so wie wir sind. Ein Teil dieser Sozialisationserfahrungen kann die eigene Kindheit sein, ein anderer der ewige Struggle als das anerkannt zu werden, was eine_r ist, sich marginalisiert und unsichbbar zu fühlen, sich beweisen zu müssen, etc. Weibliche Sozialisation ist in dem Sinne nicht gleichzusetzen damit, eine cis-Frau zu sein. (cis meint nicht-trans* und wir verwenden es, um nicht nur Trans*Personen zu als solche zu benennen)

Es gibt Menschen, die als Kinder „weiblich sozialisiert“ wurden, die aber keine Frauen sind: Menschen, die mit weiblichen Rollenerwartungen aufgewachsen sind, denen möglicherweise auch Frauen*-Feindlichkeit oder sexistische Scheiße widerfahren ist und deren Selbstwahrnehmung nicht weiblich ist, schon immer oder erst ab einem gewissen Punkt. Genauso gibt es Menschen, die als Kind mit männlichen Rollenerwartungen konfrontiert wurden, die von anderen als Junge wahrgenommen und gespiegelt wurden und die trotzdem noch lange keine cis-Männer sind. Trans*Frauen leben und entwickeln sich auch vor dem Hintergrund einer patriarchalen Gesellschaft, wir sind genauso mit sexistischen Rollenbildern, Frauenfeindlichkeit und der Abwertung von Weiblichkeit konfrontiert wie cis-Frauen.
Im Gegensatz zu ihnen, wird uns jedoch gerade in feministischen Kontexten immer wieder ihre vermeintliche männliche Sozialisation vorgeworfen und somit unsere Weiblichkeit, die wir uns teilweise lange erkämpfen mussten, abgesprochen. Welcher cis-Frau wird schon in queer-feministichen Kontexten vorgeworfen, dass sie laut und bestimmt spricht? Das wird hier als Emanzipation gesehen, als kraftvoll und empowernd anerkannt. Gleichzeitig geschieht es ständig, dass Trans*Personen und insbesondere Trans*Frauen ein Männlichkeits-Vorwurf gemacht wird, sobald wir uns Raum nehmen. Den Mund aufmachen wird schnell auf männliche Sozialisation (bei Trans*Frauen) oder neue männliche Privilegien (bei Trans*Männern) geschoben. Dass dieses den Mund aufmachen gerade für Trans*Personen eine der wenigen Ermächtigungsstrategien sein kann, wird oft ignoriert.
Aber was ist da eigentlich der große Unterschied in der Sozialisation zu cis-Frauen? Dass unsere Kinderhösschen eine andere Farbe hatten oder wir angepöbelt werden wenn wir auf eine öffentliche Toilette gehen? Dass viele Trans*Personen mindestens genauso schmerzhafte Sozialisations-Erfahrungen machen wie cis-Frauen ist noch nicht überall angekommen.

Wir wollen aber nicht nur darüber reden, wie wir unterdrückt und diskriminiert werden. Wir sind nicht nur dadurch charakterisiert was uns widerfährt, nicht nur passiv Leidende unter dem alltäglichen Mist. Wir sind sexy, wir sind divers, wir sind unbequem. Wir sind zwar betroffen von der täglichen sexistischen Scheiße die uns in einen binären Kontext zwängt, aber darüber hinaus und mit diesen Erfahrungen als Waffen sind wir solidarisch miteinander. Wir kämpfen zusammen, wir machen politische Arbeit, wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind so wie wir sind und nicht so wie andere uns haben wollen…

Versucht Strukturen zu schaffen, die sich selbst hinterfragen. Versucht, den Raum zu öffnen, für Menschen, die von zweigeschlechtlichen und cis-dominierten Strukturen sonst so oft ausgeschlossen bleiben. Und öffnet den Raum nicht nur auf dem Flyer, sondern wirklich.
Macht euch Gedanken. Holt euch Unterstützung und sprecht nicht für andere, macht euch eure Privilegien bewusst und schaut euch die Gruppen an, in denen ihr euch bewegt. Wer bewegt sich noch darin und warum und vor allem, wer nicht? Ist es für euch selbstverständlich Teil einer Gruppe sein zu können und euch wohl zu fühlen? Warum?
Und außerhalb eurer Gruppen, auf der Straße, auf der Party, im Wohnprojekt von nebenan und sonst wo, sprecht Trans*Feindlichkeit an, seit solidarisch, fragt, wie ihr unterstützen könnt.
Und so lange bleiben wir weiter laut und unbequem und hämmern an den Vorstellungen von Normalität und Selbstverständlichkeit in den Köpfen.

Redebeitrag zum 8. März 2015

Diesen Redebeitrag haben wir auf der Frauen*Kampftags-Demo am 8. März 2015 gehalten.

Wir sind die tilf*-Gruppe.
tilf* steht für TRANS*-INTER*-LES[BI]AN-FEMINIST und wir haben uns diesen Namen in Abgrenzung zum bestehenden flit*-Konzept ausgesucht, weil uns ein besonderer Fokus auf trans*, inter* und lesbischen Themen, sowie eine besondere Sensibilität in diesen Bereichen wichtig ist.
In unserer Gruppe sind im Moment keine geouteten inter*Personen. Deswegen ist das ‚i‘ in unserem Namen noch mit einem Fragezeichen verbunden. Es steht bisher in erster Linie dafür, dass wir offen für inter*Personen sind und dass wir uns mit Forderungen von intergeschlechtlichen Gruppen solidarisieren.
Es geht uns nicht nur darum, einen Raum ohne cis-Männer zu schaffen, weil uns das nicht reicht. Es geht uns darum, einen radikal queer-feministischen Raum zu etablieren, in dem wir lernen wollen miteinander solidarisch einen sicheren Raum besonders für jene Personen zu schaffen, deren Themen oft unter den Tisch fallen. Das passiert nämlich auch in linken und sogar in feministischen Kontexten. Auch in linken und feministischen Gruppen gibt es verschiedenste Formen von Diskriminierung. Heute wollen wir auf einige Wenige davon aufmerksam machen, mit denen wir uns im Moment besonders beschäftigen.
Eine davon ist cisSexismus. cis meint das Gegenteil von trans*. Das heißt eine Frau*, die keine trans*Frau ist, ist eine cisFrau. Dieser Begriff ist uns wichtig um auch cisPersonen zu markieren und nicht immer nur betonen zu müssen, dass Menschen trans* sind. Zum einen kann damit vermieden werden dass cisPersonen als „normal“ und trans*Personen als „anders“ bezeichnet werden. Außerdem macht es Privilegien sichtbar. cisPersonen haben in den verschiedensten Bereichen Privilegien die oft für selbstverständlich gehalten werden, die trans*Personen jedoch oft nicht haben. Diese Ungleichheit und damit verbundene Diskriminierung nennen wir cisSexismus. cisSexismus gibt es in bürokratischen Strukturen, Schwimmbädern, öffentlichen Räumen, eigentlich überall und leider auch in der linken und feministischen/queeren Szene. Diese Diskriminierung gegen trans*Menschen unsichtbar zu machen, ist auch cisSexismus.

Stell dir vor es ist ein warmer Sommerabend und du bist auf dem Weg zu einem queerfeministischen Plenum. Du hast enge Klamotten an und davon nicht besonders viele. Du gehst die Straße entlang und es passiert das Übliche, Blicke die dich ausziehen, dumme Anmachen und eindeutige Einladungen. Es ist klar du bist ein Objekt, ein Lustobjekt. Du versucht, das alles zu ignorieren. Denn schließlich willst du heute noch zum Plenum kommen und wenn du dich jetzt mit allen sexistischen Menschen dort draußen beschäftigst wirst du niemals ankommen. Du gehst weiter und um so näher du an diesen Menschen bist erkennen diese das du nicht mehr in ihr Frauenbild passt. Die Stimmung ändert sich und die Sprüche werden aggressiver „scheiß Schwuchtel“, „Pädo“. Es ist klar das so etwas wie Trans* über deren Horizont hinausgeht. Du nimmst dich zusammen, denn du willst immer noch pünktlich zum Plenum kommen. In deinem Kopf gehst du durch, was du gelernt hast beim letzten Selbstverteidigungskurs, und hoffst dass du diesmal nicht angegriffen wirst. Ruhig Atmen, die Schultern locker nach hinten, deine Schritte sicher und du hast es diesmal geschafft…
Schließlich schaffst du es tatsächlich, pünktlich anzukommen. Es wird sich schon angeregt über sexistische Übergriffe unterhalten und du setzt dich dazu. Es entwickelt sich eine rege Gesprächsrunde. Niemand schaut dich an und in der Runde wirst du konsequent übergangen. Es wird langsam klar; du gehörst nicht dazu, warum auch immer… wahrscheinlich entsprichst du einfach nur nicht den äußerlichen Normen wie eine Frau* auszusehen hat.
Nach einer Weile gibt es eine Pause. Vielleicht findest du ja jetzt einen Weg um irgendwie eine Verbindung herzustellen. Sobald du dazu kommst ändert sich die Stimmung. Das Thema ändert sich hin zu Schwangerschaft….. Du stellst dich ein bisschen abseits, denn im Moment, so ohne Gebärmutter und mit Kinderwunsch, ist das gerade nicht das leichteste Thema für dich.

Das sind einige Beispiele Beispiel für trans*Misogynie. Das bedeutet Trans*-Weiblichkeits-Feindlichkeit und bezeichnet die spezielle Diskriminierung gegen trans*Frauen und alle trans*weiblichen Personen. Sie taucht überall und ständig auf und gipfelt in weltweiter Gewalt gegen trans*Frauen. Jährlich werden mehrere hundert trans*Frauen aus transfeindlichen Motiven ermordet. Oft überschneiden sich hier Rassismen, vermeintliche Homofeindlichkeit (wenn z.B. trans*Frauen nicht anerkannt werden, sondern als schwule Männer* wahrgenommen werden) und Trans*feindlichkeit. Und ebenso oft wird diese Gewalt unsichtbar gemacht.

Zum heutigen Anlass wollen wir auch noch einige Gedanken zu Binarität von Geschlecht und damit verbundenen Vereinfachungen, Normen und Annahmen mit euch teilen. Binarität von Geschlecht bedeutet soviel wie Zweigeschlechtlichkeit, also die Annahme dass es zwei Geschlechter oder Gender gibt, Männer* und Frauen*. In Vorbereitung auf diese Demo, den 08. März, den Frauen*-Kampftag haben wir uns gefragt, ob und wie wir uns beteiligen sollen. Was bedeutet dieses Frauen* mit Sternchen? Wer ist da eigentlich mitgemeint? Es reicht nicht, einfach ein Sternchen hinter „Frauen“ zu machen, um trans* und inter*Personen einzubeziehen. Von Sexismus betroffen sind nicht nur Frauen*. Außerdem hängen Sexismus-Erfahrungen nicht unbedingt mit „weiblicher Sozialisation“ zusammen. Nicht alle Frauen* wurden als Kinder „weiblich sozialisiert“. Nicht alle, die weiblich sozialisiert sind, verstehen sich als Frauen*.

Um darzustellen, wie unvollständig dieses zweigeschlechtliche System ist und wie komplex genderbezogene Diskriminierungen, möchte ich einige meiner Erfahrungen mit euch teilen.
Weil ich fast immer Fahrrad fahre, bekomme ich viele Reaktionen der Menschen auf mich auf der Straße nicht mit. Das, in Kombination mit meiner Selbstwahrnehmung als trans*männliche Person führt oft dazu, dass ich das Gefühl habe, relativ unsichtbar zu sein, gut untertauchen zu können. Ich fühle mich nicht besonders markiert, ich gehe ein Stück weit immer davon aus, Teile männlicher* Privilegien zu genießen. Als ich vor einer Weile dank einer Verletzung nicht Fahrrad fahren konnte und viel allein abends auf der Straße unterwegs war, wurde mir wieder die Realität bewusst. Obwohl ich sicher bin, mit weitaus weniger Frauen*feindlichkeit konfrontiert zu sein, als viele meiner Freund*innen, macht sich da dieses Unsicherheitsgefühl breit, nachdem mir ein zwei mal nachgepfiffen wurde, wenn ich nachts allein unterwegs bin. Weil ich als Frau* gelesen werde.
Verwirrend ist, dass ich an anderer Stelle, mit einem Freund* Arm in Arm laufend, als Schwuchtel beschimpft werde.
Wie ich mich denn in der Frauenumkleide beim Training fühle, fragt mich meine Therapeutin. Da bin ich nicht, weil ich mich zugehörig und geborgen fühle, sondern weil ich mich sicherer fühle, als in der Männerumkleide. Aber so richtig sicher auch nicht.
Von einer Freundin werde ich in einem Gespräch gefragt, ob ich glaube, das ein Bekannter von uns (ein cis*Mann) mich so ernst nimmt, weil ich auch ein Typ bin. Das macht mich nachdenklich. Ein Teil von mir ist sich sicher, dass das ziemlich wahrscheinlich ist. Ein anderer fragt zaghaft, warum dieser Bekannte mich dann jedes zweite mal falsch gendert, das heißt mich ständig aus Versehen mit sie statt mit er anspricht.
In Bezug auf die Demo heute habe ich mich gefragt, ob ich beim Vorlesen des Redebeitrags
mitmachen will. Erst war ich dagegen, es ist ein Frauen*-Kampftag und ich bin keine Frau – egal ob mit oder ohne Sternchen. Das ist nicht mein Platz. Auch reicht es nicht, dass an einer Stelle weibliche Sozialisation, das heißt die Erziehung zum Mädchen oder zur Frau, als Grund für Unterdrückung genannt wird. Vor allem nicht, wenn weibliche Sozialisation quasi mit Frau* sein gleichgesetzt wird. Sicherlich teile ich viele Erfahrungen mit cisFrauen, also weiblich sozialisierten Frauen, in meiner Geschichte und heute, ob ich will oder nicht. Einige Erfahrungen teile ich mit Frauen*, die nicht als Kind weiblich sozialisiert wurden, obwohl manche von ihnen sich das gewünscht hätten. Viele Erfahrungen von Frauen* kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, weil so viele andere Ebenen mit reinspielen, was eine erlebt. Und weil wir an so vielen anderen Stellen unterschiedlich sind. Manche meiner Privilegien sind damit verbunden, dass ich manchmal als Frau* gelesen werde, weil ich dann in diesem Moment wenigstens nicht mit offener Trans*feindlichkeit konfrontiert werde. Ebenso basieren darauf aber auch viele der Diskriminierungen, die mir widerfahren. Manche meiner Privilegien sind damit verbunden, dass ich manchmal als Mann*gelesen werde. Und ziemlich viel Stress ist damit verbunden, dass ich oft einfach fremddefiniert werde, dass andere rätseln oder entscheiden was ich bin und was das für ihren Umgang mit mir bedeutet.
Letzten Endes habe ich mich dann entschieden, den Redebeitrag mit zu halten. Unter anderem um aufzuzeigen, dass es mehr als zwei Gender und Geschlechter gibt. Dass Sozialisation allein genauso wenig ausreicht wie äußeres Erscheinungsbild, um zu entscheiden, was einer Person widerfährt oder wie sie sich fühlt. Deswegen spreche ich jetzt hier, als Verbündeter und manchmal auch Leidensgenosse, um meine Solidarität zu bekunden und der Zweigeschlechtlichkeit den Krieg zu erklären.

Wir möchten diese Bühne auch nutzen, um uns solidarisch zu erklären mit intergeschlechtlichen Menschen und ihren Forderungen.
Kinder mit „uneindeutigen“ Geschlechtsmerkmalen werden immer noch in vielen Fällen nach der Geburt durch chirurgische Eingriffe einem Geschlecht „angepasst“. Diese OPs sind meistens rein kosmetische Eingriffe, über die die betroffenen Menschen als Neugeborene nicht selbst entscheiden können. In vielen Fällen sind diese Eingriffe mit Komplikationen verbunden und oft ziehen sie lebenslange Hormon-Ersatz-Therapien nach sich. Von vielen Betroffenen wird dies im Nachhinein als äußerst traumatisierend beschrieben.
Wir schließen uns der Forderung an, dass diese Praxis aufhören muss. Medizinische Eingriffe, die nicht lebensnotwendig sind, sollen nur dann durchgeführt werden, wenn die betreffenden Person selbst darüber entscheiden kann, wenn sie die OP selbst will und vorher umfassend informiert wurde.
Die Betroffenen von solchen medizinischen Zwangsmaßnahmen sollten Entschädigungen bekommen.
Wir unterstützen außerdem die Forderung, dass ein Geschlechteintrag generell abgeschafft wird und dass geschlechtsneutrale Vornamen zugelassen werden.
Außerdem muss es eine Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Intergeschlechtlichkeit geben. Intergeschlechtlichkeit darf nicht mehr als Krankheit oder Störung behandelt werden und muss entdramatisiert werden. Besonders Gynäkolog_innen, Beratungsstellen für Schwangere und Geburtshelfer_innen müssen aufgeklärt werden, damit es nicht mehr passiert, dass sie bei intergeschlechtlichen Föten eine Abtreibung nahe legen.
Die Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt muss gefördert werden, z.B. auch dadurch das Intergeschlechtlichkeit im Unterricht in der Schule thematisiert wird.

Wir wollen diese Forderungen mit euch teilen, weil die Diskriminierung intergeschlechtlicher Personen eins der vielen Themen ist, was auch in queerfeministischen Kreisen oft nur am Rande erwähnt wird. Oft wird es einfach nur genutzt um Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen, ohne die tatsächlichen Probleme intergeschlechtlicher Menschen und konkrete Forderungen gegen diese Diskriminierungen zu erwähnen.
Trotz all diesem Mist sind wir froh im Namen der tilf*Gruppe hier zu sein. Es ist schön zu wissen, dass es Orte gibt, an denen wir uns wohl fühlen, zu denen für uns zum Beispiel diese Gruppe gehört. Wir wollen einen Raum schaffen, der in allererster Linie tilf* ist. Ein Raum, in dem wir uns nicht ständig dafür rechtfertigen müssen wer und wie wir sind. Einen Raum in dem Menschen abseits von hetero- und cis-Norm selbstbestimmte Strukturen schaffen können, um den vorherrschenden Machtverhältnissen entgegenzutreten.
Zum Abschluss wollen wir mit unserem Redebeitrag noch darauf aufmerksam machen, dass auch von Frauen* Unterdrückung und Sexismus ausgehen kann. Und das gilt nicht nur für die Frauen bei der AFD oder bei den „besorgten Eltern“. Auch sich als antisexistisch verstehende, feministische oder queere Räume sind nicht frei von Sexismus. Besonders cisSexismus, Zweigeschlechter-Denken und Trans*Misogynie sind überall zu finden – auch in unseren eigenen Köpfen.
Für eine vielseitigere und selbstkritischere Auseinandersetzung mit Sexismen!